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27. März 2026

Liebe EvT-Schulgemeinschaft,

wieder ist die Zeit von Weihnachten bis Ostern vorbei gerast. Zeit ist ja überhaupt ein schlüpfriges Phänomen.

(Und wie Sie aus meinen Mails wissen, eines, das mich mit zunehmendem Alter immer mehr umtreibt.) Oder wie der Kirchenvater Augustinus schreibt: „Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Wenn ich es einem erklären will, der danach fragt, weiß ich es nicht.“  Erst denkt man, der Winter hört gar nicht auf und der Januar allein dauert 30 Jahre; dann geht man am nächsten Tag aus dem Haus und die Blumen blühen; und tags drauf stehen die Osterferien vor der Tür.

Deutlich greifbarer als die Zeit an sich sind dagegen all die Erlebnisse, die schönen und bitteren Momente, die langweiligen und aufregenden Stunden, die wir hier am EvT seit Weihnachten miteinander verbringen durften. Da tut es in der Tat wieder mal gut, wenn Ostern etwas Ruhe und Entspannung in die Hektik des Alltags bringt. Und wenn wir etwas Zeit auch zum Nachdenken bekommen.

Das Phänomen der Zeitwahrnehmung betrifft uns in der heutigen Mail aber weit über die letzten drei Monate hinaus. Heute muss ich gemeinsam mit Ihnen sowohl auf die flüchtigen letzten neun Jahre blicken („memoria“ bei Augustinus) , als auch in die erwartungsvolle Zukunft (Augustinus: „expectatio“), die sich erst recht jeder Dingfestmachung entzieht.

Denn dieser Osterbrief ist ein ganz besonderer, er wird mein letzter für das EvT sein. Wie ich gerade eben den Schüler*innen und Lehrkräften auf dem old school Weg einer Durchsage mitgeteilt habe, werde ich zum 1. August 2026 das EvT verlassen. Ich werde eine gänzlich neue Aufgabe übernehmen und zwar die Leitung der Deutschen Schule in Kyjiw in der Ukraine.

Damit endet eine tolle und bereichernde Zeit am EvT für mich nach den neun Jahren als Schulleiter. Auch hierfür gilt die augustinische Erkenntnis, dass die Vergangenheit als etwas Physisches ja gar nicht messbar ist, sondern sich diese Zeit nur über die Erfahrungen im Gedächtnis manifestiert, quasi als „Erinnerungswelt“. Und die Welt, die ich am EvT mit Ihnen allen erleben durfte, wird für mich immer einen ganz besonderen Stellenwert haben in meiner persönlichen „memoria“.

Sicherlich werden wir noch Zeit finden bis zum Sommer, diese Erinnerungswelt individuell zu beleuchten, und ich möchte mich an dieser Stelle nicht in die vielen Verästelungen begeben, die unsere gemeinsame Zeit am EvT ausgemacht haben. So vieles ist geschehen seit dem Sommer 2017, hier am EvT wie auch um uns herum. Die Welt ist eine andere geworden; wir sind andere geworden.

Aber eines spüre ich genauso wie vor neun Jahren: Das EvT ist eine Schule, die ich immer mit Stolz geleitet habe, weil sie so vieles von dem verkörpert, was mir als Lehrer und Mensch wichtig ist und was sich auch im Leitbild unserer Schule widerspiegelt.

Bei Schulbildung geht es immer um den ganzen Menschen  – um Hirn und Herz, wie ich gerne gesagt habe. Eine Schule, die Bildung vermitteln möchte, muss neben der Leistung das Wohlbefinden ihrer Schüler*innen immer fest im Blick haben. Eine Schule, die Kinder zu verantwortungsvollen jungen Erwachsenen erziehen möchte, muss Schüler*innen immer ernst nehmen und ihnen auf Augenhöhe begegnen.

Wenn dies zu Konflikten führt, dann müssen diese Konflikte ausgetragen werden, denn auch den Dissens müssen wir auszuhalten lernen. Und eine Schule in unserer heterogenen Gesellschaft muss möglichst große Teilhabe aller ermöglichen. In diesem Geiste haben wir alle gemeinsam das EvT zu einer inklusiven Schule geformt, die im gymnasialen Bereich neue Maßstäbe setzt.

Der Blick in die Zukunft ist naturgemäß weniger nostalgisch als erwartungsvoll („expectatio“!).  Was mich persönlich betrifft: Die bisherigen Reaktionen auf meinen Wechsel an die Deutsche Schule in Kyjiw spiegeln sehr gut die Gründe wider, aus denen ich mich für diesen Schritt entschieden habe. Ob im Kollegiumskreis, in der Schulaufsicht oder unter Familie, Freunden und Bekannten: Wenn ich von meiner neuen Aufgabe erzähle, begegnet man mir erst mit Verwunderung, dann aber ganz schnell mit Verständnis.

Verwunderung deshalb, weil ich mit Ihnen allen zusammen unser EvT zu dem gemacht habe, was es heute ist. Es fällt im ersten Moment schwer zu verstehen, warum ich all das im schönen Sülz aufgeben möchte, um an einem so schwierigen Ort wie Kyjiw wieder von vorne anzufangen.

Das Verständnis folgt dann immer sehr schnell: Mein Interesse an Osteuropa und mein Engagement für die Ukraine sind vielen bekannt, ebenso wie meine Einstellung als Historiker zur Bedeutung persönlicher Haltung und Verantwortung in Krisenzeiten.

Nicht umsonst ist der Osteuropaexperte Karl Schlögel, ausgezeichnet mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025, der immer wieder das Kennenlernen und die Unterstützung der osteuropäischen Zivilgesellschaften beschwört, eines meiner großen akademischen Vorbilder. Diese Themen – Haltung, Verantwortung, die Bedeutung selbstbestimmter Zivilgesellschaften – habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder zum Thema in meinem Unterricht, in Mails, in Projekten und in Ansprachen gemacht.

Wer mich kennt, weiß also, was für ein Herzensanliegen mir die Verbindung von Schulentwicklung und Gesellschaftsentwicklung ist. Mit großer Sorge betrachte ich, in welch hohem Maße unsere freiheitlich-demokratischen Werte, die mein ganzes Leben geprägt haben, in Gefahr sind. Ich möchte das mir Mögliche dazu beitragen, damit meine Kinder und unsere Schüler*innen weiterhin in solch einer freiheitlich-demokratischen Welt leben können.

Auch die Menschen in der Ukraine haben sich dazu entschieden, sich unserer Wertegemeinschaft anzuschließen, und wurden hierfür mit einem furchtbaren Krieg überzogen. Nach Jahrzehnten an Begegnungsreisen nach Mittel- und Osteuropa – mehrfach auch in den letzten Jahren in die Ukraine – stehe ich fest an der Seite dieser Menschen und hoffe, dass ich als erfahrener Schulleiter in Kyjiw einen Unterschied machen kann.

So möchte ich auch einen Beitrag zur Intensivierung der Beziehungen zwischen Deutschland und der Ukraine leisten, um den Schüler*innen in Kyjiw einen bestmöglichen Start in eine europäische Zukunft zu ermöglichen. Als Optimist selbst in dunklen Zeiten sehe ich auch schon eine wunderbare Kooperation zwischen der Deutschen Schule Kyjiw und dem EvT vor mir. Das ist mein größter Traum für unsere gemeinsame Zukunft – meine in Kyjiw und Ihre/Eure hier am EvT.

Mit dieser Hoffnung auf eine friedlichere Zeit möchte ich meine Ostermail beenden. Ich weiß, dass meine Pläne auch für das EvT einen Einschnitt bedeuten werden. Aber wie wir alle wissen, birgt ein Wechsel neben dem Verlust des Hergebrachten auch immer die Chance auf neue Entwicklungen. Ich sehe, wie gut aufgestellt das EvT ist, was für gute Leute hier arbeiten und zur Schule gehen.

Ich habe keinerlei Zweifel: Das EvT wird ein ganz besonderer Lernort bleiben – nein: ein noch besserer Lernort werden: Ein Ort, wo alle Erwachsenen immer gerne arbeiten; ein Ort wo Schüler*innen ernst genommen werden und sich entwickeln können; ein Ort, von dem Ehemalige stolz sagen können: „Ich bin EvTler*in!“

So wie ich dies auch in Zukunft immer sagen werde!

Ich wünsche Ihnen/Euch nun allen ein friedliches Osterfest und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Dr. Bruno Zerweck (Schulleiter)